Vom Missbrauch lösen

Sexueller und emotionaler Missbrauch genauso wie alle anderen Formen von Missbrauch können zu schwerwiegenden Folgen führen – unter anderem zu Traumafolgestörungen wie zum Beispiel PTBS, Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen. Wie aber kann ich mich als Betroffener vom Missbrauch lösen, um vielleicht irgendwann ein halbwegs normales Leben zu führen?

Was ich auf dieser Seite schreibe, ist kein Ratgebertext und es handelt sich auch nicht um Tipps von einem Profi. Ich habe hier meine persönlichen Erfahrungen aus meinen Therapien zusammengetragen, welche bei mir mal mehr mal weniger gut funktioniert haben. Es sind vielleicht oftmals Ideen, die auf andere komisch wirken. Aber vielleicht ist ja die eine oder andere dabei, die auch bei andere hilft.

Das vorgefallene erkennen und glauben

Ein erster wichtiger Schritt sich von einem emotionalen Missbrauch zu lösen, ist diesen überhaupt einmal zu erkennen. Das ist für Betroffene nicht so einfach wie es für Außenstehende klingt. Denn was ist emotionaler Missbrauch überhaupt?
Betroffene werden systematisch und zielgerichtet entmenschlicht. Ihre Gedanken, Worte und Gefühle haben keinen eigenen Raum mehr, dürfen nicht mehr sein und werden abgewertet. Die Täter schaffen es sich häufig als einzige Bezugsperson zu etablieren. Wie soll man als Betroffener mit einem Täter über so ein Problem sprechen und geht dies überhaupt, da diese das Problem natürlich abstreiten werden! Häufig kann oder möchte man aber auch das Problem sprechen, da einem die eigene Wahrnehmung, dass etwas nicht stimmen könnte vom Täter genommen wurde. Die Taten werden von den Tätern als ein normales Verhalten dargestellt. Die meisten Betroffenen nehmen dies als gegeben an und glauben, dass es so sein muss, dass dies überall so passiert.
Wenn man als Betroffener und Außenstehender die Symptomatik und Systematik von emotionalem Missbrauch verstanden hat, dann ist dies auch ein absolut normales verhalten.

Es ist für Betroffene extrem schwer sich aus diesem Kreislauf zu lösen.Bei mir kam noch erschwerend hinzu, dass ich nicht nur emotional Missbrauch wurde, sondern auch noch ein körperlicher und sexueller Missbrauch stattfand.

Mir persönlich hat es damals geholfen, mich von den entsprechenden Personen komplett zu lösen. Das hieß einen sofortigen Abbruch aller Kontakte zu den Personen, die Täter waren und auch von denen die von den Taten wussten. Von einem auf den anderen Tag stand ich ohne Familie da, hatte also nichts mehr von dem, was mir bis dahin eigentlich doch irgendwie halt, gegeben hat.

In kleinen Schritten habe ich in Therapien gelernt, dass ich nicht die schlechte, peinliche und missratene Person bin, als die ich immer dargestellt wurde. Je öfter ich meine Geschichte erzählt habe und je öfter ich in die entsetzten Gesichter der anderen geschaut habe, desto mehr habe ich verstanden, dass das, was mir passiert, ist nicht normal ist. Ich konnte begreifen, dass es auch andere Verhaltensweisen gibt und das auch ich diese verdiene.

Bis heute habe ich zu den Tätern in meiner Familie keinen Kontakt mehr und möchte diesen auch nicht mehr. Bis heute habe ich von den Tätern in meiner Familie kein Wort der Entschuldigung erhalten.

Eigenen Selbstwert wiederfinden

Wie oft wurde mir die Frage von Therapeuten gestellt: „Fühlen Sie sich weniger wert als andere Menschen?“. Meine Antwort war grundsätzlich ja. Den ich habe und ich denke auch heute noch oftmals, dass ich weniger Wert bin als andere Menschen. Ich kann nicht stolz auf mich oder auf meine Arbeit sein. Dieses Gefühl ist für mich nicht auszuhalten.

Nur wie soll man in so einer Situation seinen Selbstwert wiederfinden? Lasst euch euren Selbstwert so oft es geht von außen bestätigen. Das klingt komisch und hört sich vielleicht auch ein bisschen narzisstisch an, aber ihr habt in eurem Leben schon genug erlebt, da ist eine kleine Prise Narzissmus erlaubt. Wenn jemand zu euch sagt, ihr seid witzig, aufmerksam, loyal, ein toller Mensch oder wer weiß nicht, was alles, dann lasst das Gefühl von Selbstliebe zu. Ihr werdet merken, dass es irgendwann immer länger anhalten wird.

Heute befinde ich mich in Sicherheit und muss vor niemanden mehr Angst haben. Heute kann ich mir auf die Schulter Klopfen und zu mir sagen: Dass ich einen guten und vor allem richtigen Weg gegangen bin, auf den ich stolz sein kann.
Es ist nicht leicht bis zu diesem Punkt zu kommen und es ist auch kein gerader Weg nach oben und auch kein Weg, der nicht auch einmal durch ein Tal führt. Wie schon erwähnt, ist auch meine Meinung zu meiner Person heute nicht die beste. Aber ich halte mehr von mir als früher und ich halte die guten Gefühle mir gegenüber aus. Und es gibt auch Momente, an denen ich diese sogar genießen kann und dankbar für sie sein kann.

Aber eines ist mir besonders wichtig. Wenn ich schon nicht immer Stolz und lieb zu mir sein kann, dann bin ich es für mein inneres Kind. Denn dieses hat es nämlich nach dieser langen Zeit mehr als verdient.

Eigene Strukturen und Beziehungen verlassen

Beziehungen und / oder Beziehungssysteme zu verlassen bedeutet, das Gewohnte, dass vermeintlich sichere, das Bekannte hinter sich zu lassen. Es kann weh tun und es geht nicht immer von heute auf morgen. Aber es ist oftmals unendlich wichtig für den Erhalt des letzten bisschen psychischer Gesundheit.

Ich habe lange versucht in den eigenen Strukturen zu gesunden. Aber wie soll man in einer Umgebung gesunden, die einen Krank gemacht hat. Man muss die Täter aus dem eigenen Leben streichen. Sie haben da nichts zu suchen. Sie haben diesen Platz nicht verdient, ganz im Gegenteil.

Natürlich bedeutet das nicht, dass man gleich den Kontakt zur kompletten Familie abbrechen muss. Aber ein bisschen Abstand, ist angebracht. Mir hat es damals geholfen, das ganze damals Stück für Stück in mehreren Kliniken aufzuarbeiten.

Wer hat was getan?

Wer hat zugeschaut?

Wer hat geholfen?

Wenn ich heute an Person 123 denke, an welche Dinge denke ich dann?

Welche Gefühle verbinde ich mit welcher Person?

Irgendwann sagte eine Therapeutin zu mir: Nun treten Sie ein Stück zurück und schauen sie sich das aufgemalte genau an. Ganz in Ruhe und Sie sehen was zu tun ist!

Ich konnte Stück für Stück sehen, welche Menschen ich in meinem Leben behalten möchte und welche nicht. Das war hart, das tat weh. Aber das musste ich mir wert sein und das war ich mir schuldig.

Schmerz zulassen

An manchen Tagen oder manchmal sogar Wochen hasse ich alles um mich herum. Da ist es egal, ob es sich um einen Stift, eine Blume oder was auch immer handelt. In dieser Zeit ist es für mich unverständlich wie die Täter für Sie ohne große Konsequenzen davonkommen und ihr Leben einfach so weiterleben, während ich ein kaputtes Wrack bin.

In einem Klinikaufenthalt habe ich gelernt mit diesem Schmerz umzugehen. Diesen Schmerz für mich anzunehmen. In für mich radikal zu akzeptieren, da ich an der Situation von damals heute nichts mehr ändern kann.

Der Schmerz in mir wird niemals ganz aufhören. Das muss ich so akzeptieren und mit dieser Tatsache auch leben. Es wird immer wieder wehtun, wenn man durch äußere Eindrücke an die Taten erinnert wird, wenn jemand genauso riecht wie einer der Täter, so aussieht oder spricht. Es wird aber besser, wenn man es zulässt. Wenn man die ganze aufgestaute Wut, den Schmerz, die Ohnmacht, die Hilfslosigkeit und Verzweiflung von damals zulässt und sich immer vor Augen hält, dass man heute nicht mehr das kleine Kind ist, dass sich nicht wehren kann. Heute ist man Erwachsen und man kann sich gegen diese Ungerechtigkeiten wehren.