Schuld und Trauma

„Es ist erschreckend, dass bei Ihnen niemand eingegriffen hat!“. Das waren die Worte meiner Therapeutin als wir damals mein Genogramm bearbeitet haben. Aufgelistet waren da alle Familienmitglieder, lebende, verstorbene sowie geschiedene. Wer steht / stand zu wem in welcher Beziehung? Wer kann oder konnte mit wem nicht so gut! Gibt es überhaupt eine gesunde Beziehung in dem gesamten Gefüge?

Über mehrere Therapiestunden haben wir darüber gesprochen, da es sich doch um eine großes Genogramm handelte. „Da waren so viele Menschen um Sie herum, das muss doch jemand mitbekommen haben?!“, sagte meine Therapeutin irgendwann.

Mitbekommen? Weggeschaut? Dabei gewesen? Verdrängt? Beschönigt?

Ich weiß es nicht, da man mir bis heute eine Antwort darauf schuldig ist.

Ein Trauma jedoch geht nicht nur von Tätern aus.

Bei jeder zwischenmenschlichen Beziehung sind vier Personengruppen involviert. Es gibt den Täter und die Opfer, ohne sie würde ein Trauma nicht entstehen können. Aber es gibt zwei weitere Gruppen, diese müssen ebenfalls existieren, damit ein Trauma überhaupt wachsen kann.

Wer aber spielt in diesem Gefüge welche Rolle?

Die Täter

Wir fangen beim aktivsten Personenkreis an. Den Tätern. Sie werden so genannt, weil sie mit ihrer aktiven Handlung jemand anderen bewusst oder unbewusst psychische oder körperliche Gewalt angetan haben. Dies genau zu definieren ist schwer, da der Umfang einfach zu groß ist, daher hier nur einige Beispiele: sexueller Missbrauch, körperliche Gewalt und psychische Gewalt.

Die Opfer

Opfer standen ursprünglich in einem religiösen Kontext. Es handelte sich dabei um Tiere, Menschen oder Gegenstände, die einer Gottheit dargebracht wurden.
Ob die Menschen das immer wollten, kann heute nicht mehr eindeutig geklärt werden. Genauso ist es heutzutage bei Strafopfern.
Niemand hat sie vorher gefragt, ob sie Opfer einer Straftat werden wollten und vermutlich hätte auch niemand diese Frage mit einem „Ja“ beantwortet. Opfer werden instrumentalisiert, gebraucht und missbraucht. Ihre Bedürfnisse und Menschenrechte werden beiseitegeschoben. Für die Täter sind die Oper aber zumeist keine vollständigen Menschen mehr, sie sind Dinge. Dinge, die man nach Belieben benutzen kann.

Die Mitwisser

Ein Großteil der Taten passiert im Verborgenen. Da ist niemand der mal eben das Licht anschaltet! Denn niemand möchte das Unangenehme oder Unaussprechliche sehen.
Dabei sind Täter und Opfer meist nicht die Einzigen, die in dieser Dunkelheit sitzen. Die Mitwisser sitzen direkt neben ihnen.
Mitwisser sind im engeren Sinne genauso Täter. Sie wissen von konkreten Taten, sind vielleicht Personen, denen sich das Opfer anvertraut hat, waren vielleicht bei der Tat anwesend – und unternehmen nichts.
Opfer können sich gegen die Täter nicht alleine wehren. Entweder, weil sie zu klein sind oder weil sie einfach nicht die Kraft dafür haben. Sie brauchen Helfer, die hinschauen, zu hören, nichts beschönigen oder kleinreden.

Ich persönlich habe noch immer sehr viele Alpträume. Die meisten davon sind sogenannte Wahr Träume / Real Träume. Was bedeutet ich erlebe die traumatischen Situationen in den Träumen immer wieder und wieder. Was daran aber das schlimmste ist, sind nicht die Taten an sich. Am schlimmsten ist es, zu wissen, zu sehen, dass andere vertraute Menschen davon wussten, dabei waren – und nichts unternommen haben. Sie haben die Taten abgesegnet.

Es ist viel grausamer, danebenzustehen, alles zu wissen und nichts zu unternehmen.

Die Zuschauer

Sind Zuschauer den nicht eigentlich auch Mitwisser? Nicht ganz! Zuschauer wissen nichts über konkrete Taten, sie bemerken aber wohl, dass es dem Opfer immer schlechter geht.

Zu den Zuschauern gehören:

  • Verwandte, die nicht zur Kernfamilie gehören,
  • Freunde, die sich vom Opfer abwenden, sobald es zu kompliziert wird,
  • Lehrer, die sich über die plötzlich schlechter werdenden Noten wundern aber nicht nach der Ursache fragen,
  • Klassenkameraden, die sich über das komische Verhalten lustig machen.

Zuschauer sind all die, die zwar etwas bemerken und dann bewusst nicht nachfragen, da es ja nicht ihr Problem ist.

Täter alleine können Taten begehen und damit Traumatisierungen auslösen, daran besteht kein Zweifel. Aber gerade in komplexeren Geschehen, die über einen sehr langen Zeitraum gehen, sind es nicht nur die Täter, die die Schuld am Trauma tragen.

Es gibt die Menschen,

  • die wegschauen oder nicht zuhören.
  • die sich nicht einmischen wollen.
  • die geschilderten Taten herunterspielen oder negieren.

Was all diese Menschen aber nie vergessen dürfen:

Ihr macht es schlimmer. Ihr tragt eine Mitschuld. Ihr tragt die Tat. Und am Ende seid Ihr auch Täter.

Denn am Ende steht immer die Frage:

Warum hat niemand etwas mitbekommen, obwohl so viele etwas hätten machen können?